Bericht 19. November 2010

Loks, Tunnel und eine Tragödie am Grab

 

Anlagen der Eisenbahnfreunde stecken voller Überraschungen / Willi Gäbelein kann so manche Geschichte erzählen

 

LICHTENFELS - Kleine Kinder können große Herzen haben. Und so endete Willi Gäbeleins Einstieg in die zauberhafte Welt der Miniatureisenbahnen recht abrupt. Das Deutsche Reich verlor den Krieg, über die Lichtenfelser Schienen rollten schon lange keine Räder für den Sieg mehr. Stattdessen kamen ganze Züge voller Menschen auf der Flucht.

Der kleine Willi war noch keine acht, als er entschloss, seine aufziehbare „Uhrwerkeisenbahn“ aus Blech samt Schienennetz und einer Weiche an seinen Vetter weiterzugeben. Der kam als „Ausgebombter“ aus Eger (Cheb). „Und hatte einfach gar nichts mehr“, meint Willi Gäbelein heute.

So endete für einige Jahre eine vielversprechende Miniatur-Eisenbahner-Karriere. Dem kleinen Willi blieb nichts, als zur Weihnachtszeit Jahr für Jahr zum Kaufhaus Dietz zu pilgern. Dort, im ersten Stock, staunend die große Anlage zu bewundern. Die Elektroloks, die durch Tunnels und über Brücken schnurren.

Willi Gäbelein machte das auch noch, als er nicht mehr ganz so klein war. Als er seine Lehre bei der Deutschen Bundesbahn antritt, fängt er an eisern zu sparen. Mit 18 Jahren kauft er sich das Märklin-Anfänger-Set mit einem Satz Schienen, einer kleinen Lok, einer handvoll Blechwaggons und einem Trafo. Jetzt kann er immerhin einen eigenen Zug im Kreis fahren lassen.

1959, die junge Republik wagt unter Konrad Adenauer lieber keine allzu großen Experimente, vollzieht der junge Mann einen einschneidenden Systemwechsel auf Mini-Schienen und vertraut in Zukunft auf Fleischmann.

Dabei ist es bis heute geblieben. Doch die Zeiten spartanischer Anfänger-Sets sind vorbei. Statt dessen, ragt vor seiner Nase ein Stück heile Alpenwelt auf. Mächtige Berge, tiefblaue Seen und überall: Schienenstränge, Tunnels und Bahnhöfe. Und barbusige Badenixen, die eigentlich die Schweizer Gendarmen auf den Plan rufen würden. Wenn nicht alles 1:87 in Miniatur wäre: das kleine Stück eidgenössisches Eisenbahnidyll. In dem sich Wagemutige als Klippenspringer unter mächtigen Bogenbrücken üben. Eine kleine Sau um ihr Leben rennt...

Doch die richtige Tragödie, die spielt sich oben, auf der Anhöhe, ab. Auf einem kleinen Friedhof zwischen Kapelle und stolzen Tannen. Die kleine Trauergemeinde hat sich am Grab versammelt, inklusive Ehefrau und ganz unerhört Geliebter des Verstorbenen. Was für ein Dorfskandal. Und eine Grabreihe weiter hinten, da tuscheln die Dorffurien auf der Ruhebank. Echte Miniaturisten schaffen kleine Welten: So wie Willi Gäbelein und seine „Eisenbahnfreunde“ im alten Stellwerk direkt an echten Gleisen. Derartige große Anlagen zu bauen, da braucht es ein starkes Vereinsteam. Gäbelein und seine Freunde, das wird schnell ersichtlich, haben ein Herz für das Alpenland.

Das gibt es im alten Stellwerk gleich in zwei Jahreszeiten zu bewundern: als Sommer- und Winterlandschaft. Züge können auf der 25 Meter langen Strecke problemlos zwei Klimazonen durchfahren und dann noch einen Abstecher an den Ruhrpott anhängen. Echte Miniaturisten sind extrem detailverliebt. Für ihre Miniaturlandschaften treten die „Eisenbahnfreunde“ zu regelrechten Recherche-Reisen an. Nach Möglichkeit natürlich immer mit der Bahn, gelegentlich muss auf den Bus ausgewichen werden: zähneknirschend, versteht sich. Denn Miniatur-Eisenbahner beweisen auch in der realen Welt eine große Affinität zur Schiene.

Und die Liebe zur Schiene stellt seit der Bundesbahn-Privatisierung die „Eisenbahnfreunde“ auf so manche harte Probe. „Also Stuttgart 21 bauen wir nicht“, macht Vorsitzender Werner Keidel augenzwinkernd klar. Keine Demos also vor dem Stellwerk. Obwohl, unter den Bahnhöfen im Miniatur-Land laufen viele, viele Schienenstränge.

Dann die ICE-Trasse durchs Maintal, da seufzt auch noch Vereinsmitglied Thomas Fischer mit. Die fehlende Lichtenfelser Bahnhofstoilette, die Eisenbahn-Miniaturisten winken lachend ab: kein Kommentar. Die bundesdeutsche Schienenpolitik sehen sie gelegentlich als deutlich neben der Spur an.

Da macht es schon mehr Spaß, Landschaften des eidgenössischen Nachbarlands nachzubauen. Dort ist die Bahn den Menschen noch heilig, haben ganze Strecken regelrechten Kultstatus. Und Bahnhofschefs haben vollstes Verständnis, wenn ein Modelleisenbahn-Fan wie Willi Gäbelein nach einem netten Plausch ganz direkt um die Baupläne des Bahnhofs bittet.

Das Resultat steht jetzt schon seit Jahren auf der Platte: der detailgetreue Briger Bahnhof. Um es kurz zu fassen, die Lichtenfelser Eisenbahnfreunde haben die Schweiz so perfekt nachgebaut, dass deren Modellfreunde aufmerksam geworden sind. Ein imposanter Artikel stand im Schweizer Fachmagazin „Loki“ über die Mini-Schweiz am Obermain. In Fachkreisen ist das ein Ritterschlag.

„Da waren wir schon stolz, als wir den Artikel gelesen haben“, berichtet Willi Gäbelein. Natürlich gibt es auch Augenblicke, da treibt das Hobby die „Eisenbahnfreunde“ in die reine Verzweiflung.

Bis 2002 bauten die „Eisenbahnfreunde ein Mal im Jahr gigantische Anlagen in der Stadthalle auf. „Das war schon eine ganz schöne Plackerei. Vor allem der Abbau. , erinnert sich der 73-Jährige. Aber stolz auf den Event, darauf sind die „Eisenbahnfreunde“ noch bis heute.

Für derartig große Veranstaltungen, da fehlt den Damen und Herren der Eisenbahnfreunde heute einfach Zeit, Kraft und eine interessierte Jugend. Denn bei der Jugendarbeit haben Computerspiele das Miniatur-Eisenbahnerglück auf das Abstellgleis verbannt.

Immerhin fünf Kinder und Jugendliche engagieren sich bei den „Eisenbahnfreunden“. Auch sie haben an der Schweiz mitgebaut und unter anderem eine kleine Partyszene beigesteuert.

Die Figuren feiern nicht weit von den barbusigen Badenden. Die hat wiederum eine Dame platziert, um allen Gerüchten vorzubeugen. „Das war die Hannelore. Die stammt aus Berlin und sieht nicht alles so eng“, grinst der Vorsitzende. Und bei einer Verkleinerung von 1:87 bleibt alles jugendfrei.

Ihre Anlagen präsentieren die „Lichtenfelser Eisenbahnfreunde“ am Sonntag, 21. November, sowie 2. Januar, im Stellwerk, Mühlgasse 9, von 9.30 bis 12.30 Uhr, sowie 13.30 bis 16.30 Uhr. Für den kleinen Hunger gibt es verschiedene Imbisse.

 

Quelle: Obermain-Tagblatt von Freitag, 19. November 2010, von Till Mayer


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Bahnhofsvorplatz
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Kiesverladung STE 1964
 
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